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Warum Achtsamkeit so wichtig ist

Thomas Wilhelm
10.02.2018

Ich sitze hier an meinem Laptop und tippe. Ich sehe Buchstabe für Buchstabe auf dem Bildschirm auftauchen und spüre den leichten Widerstand der Tasten, wenn meine Finger sie sachte drücken. Jetzt bemerke ich das leichte Wackeln in meinen Beinen, das von den Oberschenkeln ausgeht.

Ich halte kurz inne und denke über den nächsten Satz nach. Meine Finger tippen weiter. Ich habe ein trockenes Gefühl in meinem Hals. Ich stehe auf und nehme mir ein Glas Wasser. Ich trinke langsam - drei, vier Schluck und merke, wie es meinen Mundraum erfrischt und dann immer noch kühl die Kehle herunterläuft.

Ich denke: Wenig spektakulär, diese ersten Sätze, die ich da schreibe, aber genau darum geht es mir hier und jetzt: Um die alte, ursprünglich aus dem Buddhismus und der Meditation stammende Achtsamkeit gegenüber den unspektakulären Dingen. Dingen, die uns so selbstverständlich sind, dass wir sie nicht oder nur in Ansätzen wahrnehmen. Dingen, die aber in ihrer Summe unser Leben ausmachen. Deren Wahrnehmung uns den Boden bereitet für die Wahrnehmung tatsächlicher “Gilpfelereignisse”, für Ereignisse, von denen wir wissen, dass sie unser Leben prägen: die bestandene Prüfung, die Schmetterlinge im Bauch beim ersten Kennenlernen unseres zukünftigen Lebenspartners, die schier unendliche Liebe, die wir spüren, wenn wir unserem Kind beim in sich versunkenen Spiel zuschauen.

Den Boden bereiten

Den Boden bereiten: So kann man es sich vielleicht tatsächlich vorstellen, was geschieht, wenn wir unsere Wahrnehmung - auch in der Gestalttherapie - durch Achtsamkeitübungen schulen. Die Landwirtschaft weiß schon seit Jahrtausenden, dass ein Acker, der nicht gepflegt wird, einen niedrigen Ertrag bringt. Der Gedanke “Das ist ja völlig bedeutungslos” mag oftmals vielleicht sogar stimmig sein. Doch wir setzen so hohe Erwartungen an interessante Erfahrungen, dass Vieles unbemerkt bleibt. Um das Bild aus der Landwirtschaft nochmals aufzugreifen: Der Acker, aus dem die wertvollen Erfahrungen erwachsen, bleibt ungepflegt.

Und im Endeffekt gestehen wir uns damit die Wichtigkeit unseres Lebens nicht zu - und finden eben unsere Erfahrungen bei Weitem nicht so bedeutsam wie diejenigen der von gut bezahlten Autoren erfundenen Figuren in Liebesromanen, Soaps oder Hollywood-Filmen. So fehlt uns die Offenheit für unsere eigenen verborgenen Dramen und damit für die Intensivierung unseres persönlichen Erlebens, das uns in Kontakt mit uns selbst bringt.

Mein Leben ist keine Geschichte wert?

Vielleicht erwarten wir gemieden zu werden, wenn unsere Nase nicht dem aktuellen Schönheitsideal entspricht. Oder wir denken, dass wir ständig über die neuesten Trends mitsprechen können sollten, dass wir etwas vorzuweisen haben sollten, um von unserer Umwelt interessant gefunden zu werden. Aber müssen wir tatsächlich sexy, hochintelligent oder berühmt sein, um ein erfülltes Leben führen zu können? Nein. Jedes Leben sprudelt regelrecht über von für uns einzigartigen Wahrnehmungen, die als Ganzes das Dasein ausmachen. Und das ist allemal erwähnenswert.

Ein Klient, mit dem ich im Rahmen einer Psychotherapie gestalttherapeutisch arbeitete, fragte mich vor Kurzem, welche interessanten Dinge ich in letzter Zeit getan hätte. Ich wusste, dass er Auskunft über größere Vorhaben haben wollte, den letzten Urlaub oder andere in seinen Augen aufregende Sachen. Ich erzählte ihm, dass ich an diesem Morgen meine erste Tasse Kaffee ganz besonders genossen hatte, dass ich beim Blick aus dem Küchenfenster den dichten Nebel im Park faszinierend fand, dass mir die Wärme des Wassers beim Duschen gut tat und dass mir all das im jeweiligen Augenblick wichtiger war als alles Übrige, was ich vorhatte.

Mein Klient lächelte. Vielleicht glaubte er, ich wolle seine Frage nicht beantworten. Vielleicht hätte ich ihm sagen sollen, dass sich diese alltäglichen Episoden für jeden von uns zu einer Wirklichkeit verknüpfen, die den Boden bereitet für die intensiveren Augenblicke. Für die wichtigen Dinge. Für das Leben.

Und das ist es, worum es in der Gestalttherapie geht: Das Leben zu erfahren und die Fülle der Möglichkeiten, die es bietet.

Herzlichst
Tom


Weitere Infos

http://www.hypnose-reiki-saar.de/psychotherapie/gestalttherapie
 
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