CINEBLOG - Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler
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Genossen eines bunteren Kinos: Der Mannheimer Verleih Drop-Out Cinema
3 Februar 2015, 19:23

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Ohne den Mannheimer Filmverleih Drop-Out Cinema wäre die Kinolandschaft etwas ärmer. In dieser Woche zeigt das Saarbrücker Filmhaus zwei Werke aus dem ambitionierten Programm der Film-Genossenschaft.

Wer sich mehr Vielfalt im Kino wünscht – mehr Experimentelles, Schräges oder Retrospektiven und lange nicht gesehene Klassiker –, der wird oft enttäuscht. Viele Filmverleihe verschrotten im Rahmen der Digitalisierung der Kinos ihre 35-Millimeter-Kopien, bieten diese Filme aber nicht digital an – fürs Kino sind sie verloren. Viel Interessantes erscheint zudem direkt auf DVD und Bluray, ohne je ein Kino von innen gesehen zu haben. Das kann man nun beklagen und sich resigniert ins Heimkino zurückziehen.
Oder aber man gründet mit Gleichgesinnten einen Filmverleih – wie Jörg van Bebber. Sein Verleih Drop-Out Cinema mit Sitz in Mannheim kümmert sich seit zwei Jahren um mittlerweile fast 80 Filme, die es im kommerziellen Kinoprogramm schwer haben: Dokumentationen, Avantgardistisches, Obskures wie „Jesus Christ – Vampire Hunter“, das Gesamtwerk der Erotik-Filmerin Doris Wishman, dazu Kurzfilmprogramme oder Trash wie „The toxic Avenger“. Demnächst startet „German Angst“ von Jörg Buttgereit, neu sind das utopische Kammerspiel „Coherence“ und die deutsche Improvisationskomödie „Kaptn Oskar“; sie und „Coherence“ laufen in dieser Woche im Saarbrücker Filmhaus, einem der regelmäßigen Drop-Out-Kunden.

Der 37-Jährige van Bebber, der Germanistik und Philosophie studiert hat, kümmerte sich einige Jahre beim Marburger Verein Café Trauma um das Kinoprogramm. „Aber es wurde immer schwerer, Filme zu zeigen, die nicht gerade sowieso in den Kinos laufen: Klassiker, Obskures, generell Älteres.“ Das mache „Kino als Ort für Cineasten zunehmend uninteressant“, sagt van Bebber. „Bei vielen Klassikern dachte ich, wie schade es ist, dass es keine Lizenzgeber gibt – bei Avantgarde wie ‚El Topo’ oder der ‚Heilige Berg’ von Alejandro Jodorowsky etwa“ (die er nun im Programm hat). Hochkultur ist dabei nicht zwingend, denn für van Bebber „gehört auch Schund ins Kino“. Gerade der entfalte dort seine besondere Qualität „als schönes kollektives Kino-Erlebnis“ – etwa im Fall der fast schon legendären Billig-Gurke „Sharknado“.

Das Besondere an Drop-Out: Der Verleih ist eine Genossenschaft, als einziger im deutschsprachigen Raum. 36 Personen beziehungsweise „juristische Personen“ wie Firmen oder Kinos haben mindestens 250 Euro vorgelegt – unter ihnen auch Branchenprofis wie das alternative, bundesweit bekannte Münchener Werkstattkino und das ambitionierte DVD-Label Bildstörung. Drop-Out erstellt von seinen Filmen Digitalversionen auf DCP-Festplatte und auch auf Bluray, da nicht alle Kinos digitalisiert sind. Das kostet pro Film, sagt van Bebber, zwischen 800 und 1000 Euro plus „viel ehrenamtliche Arbeit“.
Kunden sind, wenig überraschend, vor allem kommunale Kinos und engagierte Programmkinos. Aber auch Multiplexe sind dabei: Sie spielen aus dem Programm am ehesten Trash wie „Sharknado“; aber manche großen Kinos, wie das Rex in Darmstadt etwa, erzählt van Bebber, beherbergen auch selbst organisierte Filmclubs, die ein eigenes, ungewöhnliches Programm zusammenstellen.

Ein Anreiz für Kinos ist bei Drop-Out das Fehlen einer Mindestgarantie, die Kinos üblicherweise zusätzlich zur Filmmiete zahlen müssen, auch wenn kaum ein Zuschauer kommt. „Das bereitet Kinos Probleme, wenn die einen Film mal ausprobieren wollen und dann nur fünf Leute da sitzen – dann zahlt das Kino drauf.“ Und wird beim nächsten Mal das kreative Risiko wohl scheuen.
Der Erfolg der Filme ist unterschiedlich, aber durchaus einschätzbar. „Dokumentarfilme und schwer verdauliche Filme wie unser dunkles Drama ‚Love eternal’ haben es traditionell schwer.“ Ironischer Trash wie „Sharknado“ hat es leichter, „da kommen schon mal 100 bis 300 Leute, wenn man so einen Film als Event vermarktet, am besten mit Beiprogramm“.

Reich wird man als Drop-Out-Genosse nicht, sagt van Bebber. „Wir stellen keine Rendite an Geld in Aussicht, sondern sprechen von einer Kulturrendite.“ Er selbst ist der einzige Angestellte des Verleihs, und das, wie er sagt, „auf sehr überschaubarem Gehaltsniveau“. Gibt es Gewinne, werden die wieder investiert, aktuell in den Kauf von Festplatten, „damit wir wachsen können“.

„Kaptn Oskar“ und „Coherence“ laufen ab morgen im Filmhaus. Kritiken, auch zu den anderen neuen Filmen, morgen in unserer Beilage treffregion.


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