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Das System Mehdorn hat versagt
22 Juli 2010, 20:48

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Von Thomas Sponticcia

Die Deutsche Bahn steckt in der tiefsten Krise ihrer Unternehmensgeschichte. Das Schlimmste daran: Die Auswirkungen belasten auch massiv die Kunden. Dabei sind die jüngsten Zwischenfälle mit ausgefallenen Klimaanlagen und kollabierenden Reisenden nur die Spitze des Eisbergs. Die Pannenserie ist lang. Und wird immer länger. Fast jeder Bahnbenutzer kann hier mitreden. Die Liste reicht von defekten Toiletten bis zur fehlenden elektronischen Sitzplatz-Reservierung. Zudem sind viele Fernzüge völlig überfüllt, denn als Folge technischen Versagens müssen die ICEs häufiger in die Wartung.

Das Hauptproblem der Bahn hat einen Namen: Hartmut Mehdorn. Der ehemalige, äußerst ehrgeizige Bahnchef war vor allem von einer Idee getrieben, dem Börsengang des Unternehmens. Diesem Ziel musste alles andere untergeordnet werden, und zwar rücksichtslos. Sparen an allen Ecken und Enden war oberste Maxime, um die Bahn als Braut für die Börse aufzuhübschen. Das führte auch zu einem Aderlass bei der Belegschaft. Die Bahn hat eindeutig zu viel Personal abgebaut. Schlimmer noch: Mit dem Aufsplitten der einstigen Bundesbahn in verschiedene Unternehmensteile ging das „Wir-Gefühl“ der Mitarbeiter verloren. Und bis heute kann selbst der geneigte Bahnkunde den Eindruck gewinnen, er habe es mit völlig unterschiedlichen Unternehmen zu tun.

Hintergrund ist eine damals sehr bewusst umgesetzte Strategie der Konzernführung, um die einzelnen Bereiche im Rahmen der Spar-Orgie gegeneinander zu positionieren. Von den Auswirkungen dieses Systems Mehdorn hat sich die Bahn bis heute nicht erholt. Ein System übrigens, das zudem mit Druck und Einschüchterung arbeitete. Unter Mehdorn war Widerstand verpönt, Andersdenkende hatten mit Sanktionen zu rechnen.

Aus diesem Grund ist es Unsinn, wenn der neue Bahnchef Rüdiger Grube glaubt, seine Mitarbeiter würden Züge anhalten, um die Klimaanlage reparieren zu lassen. Oder am nächsten Bahnhof einen Ersatzzug ordern. Ein System, das mit Druck von oben arbeitet, lässt die Mitarbeiter nicht von heute auf morgen zum Prinzip Eigenverantwortung zurückkehren. Da muss zuerst eine neue Unternehmenskultur wachsen.

Unabhängig von dieser Misere braucht die Industrie längere Entwicklungszeiten, um neue Züge fehlerfrei zu konstruieren. Die Hersteller müssen aber auch stärker in die Haftung genommen werden, wenn sie Murks produzieren. Bahnchef Grube muss an vielen Stellen im ICE-Tempo handeln, vor allem aber Vertrauen zurückgewinnen. Das könnte freilich länger dauern, als er im Amt ist.

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