CINEBLOG - Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler
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Dein Kommentar: Eindrücke vom Günter Rohrbach Filmpreis in Neunkirchen

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Ein Triumph war es für Nicolette Krebitz' „Wild“: Ihr radikaler Film hat den Günter Rohrbach Filmpreis 2016 und einen Darstellerpreis gewonnen. Es war ein munterer Abend in der Gebläsehalle, trotz der Themen der prämierten Filme: Entfremdung, Mobbing, Abtreibung und Euthanasie.

Schade – der Namensgeber des Festivals kam nicht auf die Bühne. Die Reden von Günter Rohrbach, schnörkellos und manchmal über seine alte Heimat Neunkirchen, waren immer der heimliche Höhepunkt, das Herzstück der Preisverleihungen. In diesem Jahr beließ es der 88-jährige Produzent („Das Boot“) bei der Anwesenheit im Parkett der Gebläsehalle. Dort wurde am Freitagabend zum sechsten Mal der Rohrbach-Filmpreis vergeben, der als Thema ja „Arbeitswelt und Gesellschaft“ vorgibt – dankenswerterweise so dehnbare Begriffe, dass es eigentlich kaum inhaltliche Beschränkungen gibt.

70 Einreichungen gab es in diesem Jahr, mehr als je zuvor, und die Jury zeichnete erneut ambitionierte, manchmal wagemutige Filme aus. Der Abend war ein Triumph für Nicolette Krebitz: 2011 hatte sie den Rohrbach-Darstellerpreis für „Unter dir die Stadt“ erhalten; nun wurde sie als Regisseurin und Autorin für „Wild“ geehrt. Krebitz' dritte Regie-Arbeit erzählt von einer Frau, die die bürgerliche Welt hinter sich lässt und sie gegen eine animalische tauscht – mit einem Wolf. Ein radikaler Film, der seinen Anfang in Neunkirchen nahm, wie die Produzentin Bettina Brokemper erzählte: Bei der Preisverleihung 2011 sprach Krebitz mit ihr über die Filmidee, die Brokemper nicht mehr losließ. Beider Fazit: „Es braucht mehr wilde Frauen, die wilde Geschichten erzählen.“

Der weibliche Darstellerpreis ging ebenfalls an „Wild“, an Lilith Stangenberg. Sie nannte den Laudator, Kulturminister Ulrich Commerçon (SPD), „Herrn Commercier“ und berichtete von außergewöhnlichen Dreharbeiten: „Der Tiertrainer sprach die ganze Zeit mit dem Wolf, die Regisseurin ständig mit mir“ – sozusagen doppeltes Domptieren.

Im Rahmenprogramm sang Nina Schopka, am Flügel begleitet von Stefan Litwin: Lieder Hanns Eislers, hauchig-rauchig eingeführt – aus dem Konzertabend „Gegen die Dummheit“, der kürzlich in der Alten Feuerwache Premiere hatte. Ein Kontrastprogramm zum jazzigen Auftritt 2015 von Klaus Doldinger und August Zirner. Als Zwischendurch-Häppchen eignet sich Hanns Eisler vielleicht nur bedingt – das gesamte Programm läuft nochmal am 12. November in der Feuerwache.

Ein ganz anderes Lied sang Schauspieler und Laudator Peter Lohmeyer: das Steigerlied, begleitet vom Publikum in der gut, aber nicht restlos gefüllten Gebläsehalle. Lohmeyer überreichte den Preis des Oberbürgermeisters Jürgen Fried (SPD) an Regisseur Adolf Winkelmann, der in „Junges Licht“ von einer Ruhrpott-Familie erzählt. Winkelmann freute sich über den Preis einer dem Bergbau verbundenen Stadt. „Ich bin von Dortmund hierher gefahren – und war in Neunkirchen sofort wieder zu Hause.“ Er könne eigentlich gleich hier bleiben, „nur das mit der Sprache müsste ich noch üben“. Üben muss Moderatorin Sa-brina Staubitz nicht; sie führte wie immer, zum fünften Mal mittlerweile, mit ironischem Charme durch den Abend, auch wenn sie diesmal, wie sie sagte, zum „straffen Durchmoderieren“ angehalten war, „vielleicht aus Angst vor Thrombosen-stau im Publikum“.

Jugendliche Freude, die an manche Ophüls-Preisverleihung erinnerte, bewirkte der neue Preis des Saarländischen Rundfunks an die Jungschauspieler Lena Urzendowsky aus dem Internetmobbing-Film „Das weiße Kaninchen“ und Ivo Pietzcker aus dem Euthanasie-Drama „Nebel im August“. Der Film erfuhr eine weitere Ehrung – den Darstellerpreis, überreicht von Laudatorin und Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU). Sebastian Koch spielt einen NS-Arzt, der behinderte Kinder tötet, im Irrglauben, eine humane Geste zu vollbringen. Dass der Film schnell aus den Kinos verschwunden ist, schmerzt Koch, „aber es ist wichtig, dass es ihn gibt“.

Den Preis der Saarland Medien konnte die Regisseurin Anne Zohra Berrached nicht vor Ort abholen. Ihr prämierter Hochschul-Abschlussfilm „24 Wochen“ über ein Paar, deren ungeborenes Kind am Down-Syndrom leidet, hat ihr gleich die höchsten öffentlich-rechtlichen Weihen zukommen lassen: Sie inszeniert gerade einen „Tatort“ mit Maria Furtwängler, schickte aber einen Videogruß und holt den Preis möglicherweise im nächsten Jahr ab. Wer in jedem Falle wiederkommt, ist Burghart Klaußner, Darstellerpreisträger 2015 für der „Der Staat gegen Fritz Bauer“. Er leitete in diesem Jahr die Jury, „nur am Anfang basisdemokratisch“, wie er sagte, und versprach, mit einem seiner Musikprogramme in Neunkirchen zu gastieren.

Der Günter Rohrbach Preis, dotiert mit 10 000 Euro, ging an „Wild“ von Nicolette Krebitz. Darstellerpreise, je 3000 Euro, für Lilith Stangenberg und Sebastian Koch. Der SR-Preis (5000 Euro) ging an Lena Urzendowsky und Ivo Pietzcker. Saarland Medien vergaben ihren Preis (3500 Euro) an „24 Wochen“, der Preis des OB (2500 Euro) ging an „Junges Licht“.

Foto: Pressestelle Neunkirchen