CINEBLOG - Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler
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Dein Kommentar: Regisseur Christian Petzold über "Barbara" - am Mittwoch bei Arte.

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Kommentierter Beitrag

Regisseur und Autor Christian Petzold („Die innere Sicherheit“) hat 2012 mit seinem Film „Barbara“ einen Silbernen Bären der Berlinale gewonnen. Er erzählt von einer Ostberliner Ärztin, die nach einem abgelehnten Ausreiseantrag in die Provinz strafversetzt wird. Dort muss sie sich entscheiden, wie und wo sie leben will.

Das Gespräch mit Christian Petzold habe ich 2012 geführt, aber für die TV-Ausstrahlung des Films - Mittwoch, 9.11., 20.15 Uhr bei Arte - noch einmal ausgegraben.


Als „Barbara“ bei der Berlinale zum ersten Mal lief, galt er bei der Kritik sofort als großer Favorit für einen Preis. Wie deutlich bekommt man das als Regisseur mit?

Ich habe das schon gespürt, bei den Interviews und Gesprächen. Aber ich habe vor Jahren auch mal das Gegenteil gespürt, dass einer meiner Filme abgelehnt wurde.

Welcher Film war das?

Das möchte ich nicht sagen, denn es ist einer meiner liebsten – den möchte ich nicht beschmutzen. Aber man merkt es sehr deutlich, es gibt weniger Interviewfragen, die Leute scheinen sich abzuwenden.

Was macht man überhaupt in so einer Berlinale-Woche?

Interviews geben, zumindest wenn der Film gut ankommt. Ich habe viereinhalb Tage geredet. Meine Darsteller Nina Hoss und Ronald Zehrfeld gaben auch viele Interviews, aber am meisten reden muss immer der Regisseur – das hat die Einführung des Autorenkinos so mit sich gebracht.

Ihre Figur Barbara trifft am Ende eine Entscheidung, wo sie leben möchte. Was wäre aus ihr geworden, hätte sie sich anders entschieden?

Das kann ich gar nicht sagen. Was ich so mag am Ende von „Barbara“ – ohne Selbstlob natürlich – ist, dass man einfach nicht weiß, was passieren wird. Ich hatte das Gefühl, dass die Schauspieler eine Ahnung von ihrer Figur und deren Zukunft haben, aber es gibt dazu keine Bilder mehr. Die Figuren haben nun ihr eigenes Leben. Wäre sie in den Westen gegangen, hätte die Beziehung zu dem Mann dort wohl nicht lange gehalten. Ich nehme an, dass sie Ärztin geblieben, in ein Krankenhaus gegangen und in einer furchtbaren Einsamkeit gelandet wäre. Ihr Land verlassen zu haben, an das sie vielleicht einmal geglaubt hat und in das sie nicht mehr zurückkehren kann, hat bei ihr eine Wunde gerissen. Ich glaube, Barbara würde allein mit ihrer Katze in einem Zwei-Zimmer-Apartment in Düsseldorf-Benraht sitzen.

Barbaras Geliebter sagt zu ihr, dass sie im Westen ausschlafen könne, weil sie dann nicht mehr arbeiten müsse, er verdiene genug für sie beide. Der Schlüsselsatz des Films?

Ja, das ist ein Satz wie ein Gefängnis, einer dieser dummen Sätze, die Männer so sagen und glauben, der Frau gefällt das. Das sagt man aber nur für sich selbst, für das eigene Heldentum, es ist wie das Bestellen eines Wellness-Wochenendes zum Hochzeitstag: Gefühle werden materialisiert und Frauen wie ein Objekt behandelt. Der Satz ist mir beim Schreiben so aus der Feder gerutscht. Unsere Casting-Agentin Simone Bär, die aus dem Osten kommt, sagte mir, das sei der kälteste, der wichtigste Satz im Film. Beim Schreiben war mir das nicht klar.

In Ihrem Film spielt die Arbeit eine zentrale Rolle. Wieso?

Weil mich ärgert, dass man bei vielen Filmen nie sieht, wovon die Menschen leben. Ich will ja kein sozialrealistisches Kino, keinen Proletarierfilm, aber die Menschen sind allzu oft gut gekleidet, sitzen im Café und haben ein Powerbook unter dem Arm. Das hat mich genervt.

Ist das Liebe-Arbeit-Thema eher für den Osten als den Westen typisch?

Möglicherweise, denn in der DDR gab es ja etwas Furchtbares – die Arbeitspflicht, man musste arbeiten. Das gab mir im Film die Möglichkeit, dass sich die Menschen bei der Arbeit kennen lernen und nicht wie oft im Café, im Park oder in der Disko. Ich habe mal einen wunderbaren Dokumentarfilm der DDR gesehen, „Wäscherinnen“ von Jürgen Böttcher aus dem Jahr 1972. Die SED hatte da Tanzabende von Wäscherinnen und Müllmännern veranstaltet, die sich bei der Arbeit nie kennen gelernt hätten. Im Osten haben sich die meisten Ehen bei der Arbeit angebahnt. Der Arbeitsplatz kann ein Ort von Schönheit, Liebe und Leidenschaft sein.

Sie arbeiteten bei "Barbara" zum fünften Mal mit Nina Hoss zusammen – droht da die Gefahr, dass neu hinzukommende Schauspieler sich ein bisschen außen vor fühlen?

Gäbe es dieses Problem, hätte ich keine fünf Filme mit ihr gedreht. Bei ihr gibt es kein Getue um „meinen Regisseur“ oder so. Nina Hoss denkt nur an die Arbeit, an den Stoff, an die Figuren. Wir haben ein wahnsinnig distanziertes Arbeitsverhältnis, was auch notwendig ist. Es gibt nichts Schlimmeres, als an einen Drehort zu kommen, wo es schon familiäre Institutionen gibt oder dieses „Wir waren als Erste hier“. Grauenhaft.

„Wolfsburg“, „Jerichow“, „Yella“ – Ihre Filme haben sehr knappe Titel, die nichts Konkretes über den Inhalt sagen. Warum?

Meine Lieblingstitel in der Filmgeschichte sind die von Fassbinder: „In einem Jahr mit 13 Monden“, „Liebe ist kälter als der Tod“, das sind wahnsinnig gute Titel – aber mir fallen keine so guten ein. Ich habe mir mit einem Freund mal eine Reihe ausgedacht mit Titeln für Filme, die es gar nicht gibt – schöne Titel wie „Berlin am Meer“. Entweder hat man einen wirklich guten Titel wie Kubricks „Eyes wide shut“, der sofort eine Vorstellung vermittelt, oder er ist eben kurz und prägnant wie der Vorname eines Menschen. Erklärende Titel gehen mir auf die Nerven. „Barbara“ würde als Fernsehfilm wahrscheinlich einen grauenhaften Titel haben wie „Barbara – Eine Liebe befreit sich selbst“.

Sie könnten die Filme ja auch einfach nummerieren – „Petzold 2012“. Oder wäre das der Abstraktion zu viel?

Das wäre ganz schlimm, denn die Filme würden dann zu sehr auf mich verweisen. Ich schreibe zwar die Drehbücher, aber der eigentliche Film ist wie eine Dokumentation der Dreharbeiten und darüber, wie mir das Drehbuch, im positiven Sinne, langsam von den Schauspielern weggenommen wird, wie das Ganze kollektiviert wird. Es ist für mich das größte Glück, dass mir der Film am Ende nicht mehr gehört.

Ist das Drehbuch also gar nicht so wichtig?

Doch, sonst würde ich nicht so lange dran sitzen. Aber so vor 15, 16 Jahren, als an den deutschen Filmhochschulen die US-Scriptdoktoren als Dozenten einmarschierten, kamen später diese langweiligen Filme nach US-Mainstream-Vorgaben heraus. Die haben immer den klassischen Satz gesagt von den drei Dingen, die ein guter Film braucht: ein gutes Drehbuch, ein gutes Drehbuch und ein gutes Drehbuch. Damit will man sich vielleicht auch den eigenen Job sichern. Aber nehmen Sie einen Film wie Hitchcocks „Fenster zum Hof“ – lassen Sie das Drehbuch mal von einem anderen Regisseur umsetzen – dann kommt ja nicht derselbe Film dabei heraus.

Ihre Art Kino und das der Kollegen wie Christoph Hochhäusler, Angela Schanelec und anderen wird gerne als „Berliner Schule“ bezeichnet. Hat sich der Begriff als Label mittlerweile überlebt?

Das Label haben wir uns ja nicht selber gegeben. Hätten wir mehr Zeit gehabt, hätten wir vielleicht ein Manifest hinbekommen. Aber im Rückblick betrachtet hat der Begriff schon gepasst für diese weite Gruppe, aus der, wie ich finde, das interessanteste Kino entstanden ist

Das wird in Frankreich sehr geschätzt. „Unter dir die Stadt“ lief in Cannes, Angela Schanelecs „Orly“ war gleich eine Coproduktion. Sind die Franzosen offener, was Kino angeht?

Das Interesse der Franzosen geht darüber hinaus, abends schön auszugehen – was ja auch in Ordnung wäre. Sondern für sie ist das Kino auch ein Ort, an dem von etwas berichtet, sichtbar gemacht wird. Selbst die französischen Mainstream-Filme erzählen von ihrem eigenen Land. „Willkommen bei den Sch’tis“ etwa von der Provinz und der Vielseitigkeit des Landes, „Ziemlich beste Freunde“ von einem erstarrten System, das nur durch Durchmischung und Migration wieder in Bewegung zu bringen ist. Unsere Mainstreamfilme aber erzählen am Liebsten gar nichts vom Land, werden gedreht in Studios, weitestmöglich weg vom realen Leben. Ich schätze Bully Herbig – aber was erzählt mir eine Raumschiff Enterprise-Parodie wie „Traumschiff Surprise“ von Deutschland?

„Barbara“ wurde in viele Länder verkauft, eine Nachrichtenagentur sprach vom „internationalen Durchbruch“ für Sie. Würde Sie ein Film im Ausland reizen?

Ich hatte schon einige Angebote, in Amerika zu arbeiten, aber dazu fällt mir im Augenblick noch nichts ein – zu Deutschland aber eine Menge.

In einem öffentlichen Mailwechsel mit Christoph Hochhäusler und Dominik Graf erwähnen Sie „Halloween“ – was halten Sie von John Carpenter?

Ich habe mir heute seinen jüngsten Film „The Ward“ als DVD bestellt – dummerweise ist der frei ab 18, so dass ich die DVD persönlich entgegen nehmen muss, mit Personalausweis. Der Briefträger wird wohl denken, dass ich einen Porno bestellt hätte. John Carpenter ist für mich einer der wichtigsten Regisseur. Vergangene Woche habe ich meinen Kindern „Die Klapperschlange“ gezeigt, um ihnen etwas über Zeit und Ort zu erzählen. Das ist ein unglaublich gut gemachter Film, ganz dicht und klar erzählt.

Und „Das Ding aus einer anderen Welt“?

Das war der Wendepunkt seiner Karriere. „Alien“ war vielleicht der spannendere Film, „Das Ding“ aber der moderne. Der Film wurde damals abgeschlachtet, das hat ihn seine große Karriere gekostet. Seinen späteren Film „Sie leben“ fand ich auch sehr gut, mit seiner Kritik am neoliberalen Amerika und in seiner Schlichtheit, das ist eine Art proletarischer Film. Ich mochte auch den Wrestler in der Hauptrolle. Für mich sind „Assault“ und „Halloween“ seine Meisterwerke.

Von der Reaktion auf „Das Ding“ hat er sich nie mehr erholt, oder?

Es ist brutal, wie man beim ersten Misserfolg in den USA vereinsamt, wie die Welt um einen herum erkaltet. Für sensible Naturen wie Carpenter ist das furchtbar, so ein Liebesentzug kann einen kaputtmachen. Da muss man schon sehr gefestigt sein, um das auszuhalten.