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Dein Kommentar: Track your Kids - oder: wie Super RTL aus Eltern Spione macht

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Kommentierter Beitrag

Der Begriff Panoptismus ist angelehnt an das architektonische Konstrukt des „Panopticon“ von Jeremy Bentham, ein nie vollständig realisierter Entwurf eines perfekten Gefängnisses. Als Rundbau konstruiert, mit den Zellen entlang der Außenmauer, mit Sichtfenstern allerdings nur nach innen auf den runden Hof, in dessen Mitte sich ein Wachturm befindet, sollte es die perfekte Überwachung der Häftlinge mit geringst möglichen Personalaufwand ermöglichen. Eine konsequente Weiterdenkung dieses Prinzips führt zu weiteren Überwachungsräumen in konzentrischen Kreisen, sodass die Überwacher selbst wiederum überwacht werden, und so die ihnen zugewiesene Aufgabe möglichst diszipliniert ausführen. Am Ende dieser Überlegungen steht ein Netz aus überwachten Überwachern, deren subjektive Freiheit immer schon durch die verinnerlichte Macht vermittels des Panoptimus teilweise vorgegeben, bzw. eingeschränkt ist. Quelle: Wikpedia

Als Bentham im 19. Jahrhundert seine Vison vom "Panoptikum" ahnte noch niemand etwas von Mobilfunk oder Navigationssystemen oder Handyortung.
Und doch erinnert mich eine - vermutlich sehr gewinnbringende - Marketingidee des "Familiensenders" Super RTL fatal an Benthams Vision.

Dabei brüstet sich der zu gleichen Teilen zur RTL Group und der Walt Disney Company gehördende TV Sender auf seiner Firmenwebseite mit seinem sozialen Engagement und verweist unter anderem auf diverse Kooperationen, so auch mit Ursula von der Leyens Familienministerium und anderen öffentlichen Stellen: http://www.superrtl.de/Verantwortung/SozialesEngagement/tabid/142/Default.aspx#Soziales

Was den Sender allerdings nicht davon abhält mit der Angst der Eltern um ihre Kinder auf fragwürdige Weise Kasse zu machen. Unter dem Motto "Der erste echte Handyvertrag für Kinder" vermarktet der Sender nicht nur einen Handytarif, der zwar über ein von den Eltern zu setzendes Limit eine Kostenkontrolle ermöglicht, was aber mit vergleichsweise hohen Verbindungsentgelten einhergeht. Darüber Hinaus bietet dieser Vertrag unter dem Stichwort "Track your Kids" eine mobile Ortungsfunktion für Kinder.

Hier wird es nun heikel: Gewiss sind Kindern unterschiedlichsten Gefahren ausgesetzt, die vom Straßenverkehr über Kriminalität bis zu Umwelteinflüssen reichen. Insofern spricht der Gedanke, zu wissen, wo ein Kind sich aufhält, sicher die Bedürfnisse zahlreicher Eltern an (wobei entgegen dem oft durch bestimmte Medien erweckten Eindruck kein explosionsartiges Ansteigen der Bedrohungen, etwa durch Kriminalität besteht).

Aber erstens wird hier ein Sicherheitsgefühl vorgegaukelt, dass einer genaueren Überprüfung nicht standhält. Bereits ein Blick ins Kleingedruckte spricht Bände. Hier heißt es: Die Standort-Genauigkeit ist in Innenstädten bis auf wenige hundert Meter genau, in ländlichen Bereichen bis zu mehreren Kilometern. http://www.toggo-mobile.de/tarif_ortungsfunktion.php Wenn ein Kind wirklich in Gefahr ist, sind das Entfernungen, die dazu führen können, dass wertvolle Zeit bei der Suche verloren wird. Sogar ein Verbrauchermagazin des Super-RTL-Schwestersenders RTL kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Die Handyortung ist die billige Alternative, aber unpräzise. http://www.rtl.de/tv/tv_947043.php Nicht zu vergessen: Wenn ein ernsthafte Bedrohung für das Kind zu befürchten ist, ist das Einschalten der Polizei in jedem Fall die beste Lösung, diese kann dann auch ggf. über die Staatsanwaltschaft ein Zell-Ortung über den Mobilfunkprovider vornehmen, ganz abgesehen von anderen technischen und rechtlichen Möglichkeiten der Ermittlungsbehörden.

Zweitens besteht die Gefahr, dass eine wichtige Erziehungsaufgabe, die Einbettung des Kindes in ein soziales Umfeld, durch das ggf. auch recht unproblematisch ein Aufenthaltsort in Erfahrung gebracht werden kann oder ohnehin vorher abgeklärt ist, (Freunde, andere Verwandte, Vereine, Spielgruppen etc.) zu Lasten eines Individualismus mit anonymer technischer Absicherung in Frage gestellt wird. Das spielt sicher für funktionierende Familienstrukturen eine geringere Rolle, aber gerade bei sozial schwierigen Familienverhältnissen könnte "Track your Kids" als Freifahrtschein für mangelnde Sorgfalt verstanden werden.

Drittens ist zu fragen, ob eine solche Technik nicht auch von jenen anzuwenden ist, die einem Kind schaden wollen. Die meisten Delikte gegen Kinder finden im sozialen Nahbereich statt. Warum also sollte sich nicht auch jemand, der etwa Mißbrauchsabsichten hegt, solcher Techniken bedienen?

Viertens und für mich entscheidend stellt sich die Frage, welche Werte Kinder auf diesem Wege vermittelt werden: Die Gewöhnung an die Welt des Überwachungsstaates, Big Brother ist tracking your Kids? Bei aller Sorge und Angst: Kinder brauchen das Gefühl, dass ihre Eltern ihnen Vertrauen entgegenbringen, mehr als alles andere. Do-It-Yourself-Kinderortung als Regelfall (und das ist wohl die Folge solcher Angebote) schafft eine Atmosphäre des Misstrauens, sie gewöhnt Kinder an den Geist von Untertanen statt ihre Entwicklung zu freien Menschen zu ermöglichen. Klingt das zu sehr nach Alt-68er-Romantik? Dann formuliere ich es anderes: Die Entwicklung zu Eigenverantwortung zu fördern.

Fazit: Es handelt sich hier um fragwürdige Geldmacherei, sonst nichts. Vielleicht sollte sich die Bundesregierung mal Gedanken über die Auswahl ihrer Kooperationspartner machen. Oder passt das "Track-your-Kids"-Prinzip am Ende den Vertretern einer an Law-Order-Politik und einer zunehmenden Privatisierung öffentlicher Aufgaben am Ende gar gut ins Konzept?